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Wizz Air sorgt für Sternstunde und Aufbruchstimmung

Corona kam über den Dortmunder Flughafen und alle anderen Flughäfen wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Als habe sich jemand einen üblen Streich erlaubt und den Stecker gezogen. Dabei war der Airport gerade so gut unterwegs. Nur noch 380.000 Euro operatives Defizit im Geschäftsjahr 2019. Die schwarze Null in Sichtweite. Und dann: Reifenplatzer in der Kurve vor Start und Ziel. Udo Mager, der im Herbst scheidende Flughafen-Geschäftsführer, und Guntram Pehlke, Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstands-Chef der Mutter DSW21, sehen bei allen Rückschlägen und Problemen aber auch einen Silberstreif am Horizont. Und der strahlt durchaus hell, seit die ungarische Fluggesellschaft WizzAir in dieser Woche bekanntgegeben hat, ab August drei ihrer Jets fest in Dortmund zu stationieren stationiert (zum Bericht). Udo Mager sieht darin perspektivisch ein Potenzial von rund einer Million zusätzlichen Passagieren pro Jahr. Ein Gespräch über Kurzarbeit, Personalabbau…


Was für eine Achterbahnfahrt, Herr Mager. 2019 ein Rekordjahr mit 2,72 Millionen Fluggästen. Im ursprünglichen Plan für 2020 stehen sogar 2,95 Mio. Passagiere. Und der Start war vielversprechend: weitere elf Prozent Zuwachs im Januar/Februar. Dann kam der Lockdown. Nichts ging mehr. Nun werden es bis zum Jahresende wohl weniger als eine Million Fluggäste werden; bei drohenden Erlöseinbußen in einer Größenordnung von 15 bis 20 Mio. €.

Udo Mager: Tatsächlich habe ich mich am Freitag, den 13. März, diesem schwarzen Freitag, wie in einem falschen Film gefühlt. Wir waren quasi von einem Tag auf den anderen bei null – bei den Passagieren und bei den Erlösen, nicht aber bei den Kosten. Die liefen in nahezu unveränderter Höhe weiter. Ich war dann plötzlich Krisenmanager an einem Flughafen ohne Flugbetrieb. Und da kommt man ganz schnell an den Punkt, an dem man sich fragen muss: Was bedeutet das für unsere Liquidität? Umso wichtiger war die klare Botschaft von Guntram Pehlke, dass DSW21 als Konzernmutter zu uns steht und es nicht zulassen wird, dass wir Mitarbeiter*innen kündigen müssen.

Die Kurzarbeit allerdings – das unterscheidet den Airport von den anderen kommunalen Unternehmen in Dortmund – ließ sich nicht verhindern.
Mager: Ich hätte nie geglaubt, dass wir einmal in diese Situation kommen würden, überhaupt darüber nachdenken zu müssen, ob Kurzarbeit nötig und unter welchen Rahmenbedingungen sie möglich ist. Heute, drei Monate später, kann ich sagen: Wir haben das unter Schmerzen gemeinsam gemeistert. Rund 70 Prozent der Kolleg*innen sind in Kurzarbeit, der allergrößte Teil bei 0 Prozent Arbeit. Aber wir gehen jetzt auch davon aus, dass der Flugbetrieb nach Aufheben der Einreisebeschränkungen für die meisten europäischen Länder ab Juli allmählich wieder anläuft – und damit auch die Arbeit am Flughafen.
Guntram Pehlke: An der Stelle erweist es sich als Vorteil, dass der Dortmunder Flughafen kein internationaler, sondern ein kontinental ausgerichteter ist. Natürlich sind wir da komplett in der Hand der Bundesregierung und der EU-Kommission, aber die Voraussetzung für Reisetätigkeit an sich ist wieder gegeben – konkret: Dass man in andere Länder einreisen darf, ohne sich dort in eine 14-tägige Quarantäne begeben zu müssen, und auch wieder nach Deutschland zurückkehren kann, ohne hier zunächst in die Isolation zu müssen.
Noch einmal kurz zurück zum Thema Liquidität. Wirkliche Hilfen von Bund und Land gibt es bislang nicht. Die Rettungsschirme wurden so aufgespannt, dass kommunale Unternehmen nebenan im Regen stehen.
Mager: Uns war von Anfang an wichtig, dass wir die Zusage von DSW21, zum Flughafen zu stehen, nicht überstrapazieren. Deshalb habe ich mit Jörg Jacoby, dem Finanzvorstand von DSW21, auf Bundes- und Landesebene interveniert. Das Ziel war, Instrumente nutzen zu dürfen, die uns aber nach wie vor vorenthalten werden, weil wir ein Unternehmen der öffentlichen Hand sind. Auch auf unsere Bitte, die Vorhaltekosten in Höhe von 1,4 Millionen Euro pro Monat zu finanzieren, gibt es keine Reaktion. Hochgerechnet aufs Jahr würde das schon reichen, um die Corona-bedingten Mindereinnahmen weitgehend zu kompensieren. Übrigens arbeiten wir dabei im Flughafenverband ADV eng zusammen. Wir sitzen da in einem Boot.
Pehlke: . . . und auch der Deutsche Städtetag und der Verband der kommunalen Unternehmen unterstützen hervorragend. Wir haben daher immer noch Hoffnung, aber eben alles andere als Sicherheit, dass zumindest ein Teil der Einnahmeausfälle durch Bund und Land aufgefangen wird. In vielen Köpfen in Berlin steckt leider immer noch die Haltung: Unterstützung für die private Wirtschaft – ja; für den öffentlich-rechtlichen Bereich – nein! Das ist komplett unverständlich. Übrigens geht es ja sogar noch weiter. Bei den Kosten der Flugsicherung werden wir auch weiter hingehalten. Im Dezember 2019 hat der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, 20 Mio. € für 2020 und 50 Mio. € für 2021 bereitzustellen. Für Dortmund handelt es sich um rund 1,6 Mio. € pro Jahr. Ausbezahlt ist bislang noch kein Cent. Immerhin haben wir in der nordrhein-westfälischen Landesregierung in diesem Punkt Unterstützer. Zugang zu echten Zuschüssen haben wir über das Paket ‚Kommunal- und Infrastruktur-Corona‘ in NRW zwar nicht, wohl aber zu Betriebsmittel-Darlehen. Da befinden wir uns derzeit in Gesprächen mit der NRW.Bank etwa über Laufzeiten, Zinsen und tilgungsfreie Zeiten. Und beim ‚Kommunal-Corona‘ wäre zumindest denkbar, dass der Flughafen mit seinem finanziellen Schaden in die ausgelagerte ‚Bad Bank‘ einbezogen und so entlastet wird.

Das Kurzarbeitergeld wird den Flughafen bei den Personalkosten ein wenig entlasten. Gibt es als Folge des Lockdown weitere Einspareffekte?
Mager: Zwischen drei und fünf Mio. € werden wir uns am Ende über das Kurzarbeitergeld zurückholen können. Dazu haben wir die geplanten Investitionen in Höhe von gut 1,5 Mio. € geschoben. Die Mitarbeiter*innen haben ihre Resturlaubstage auf null gefahren und die Stundenguthaben auf den Arbeitszeitkonten deutlich reduziert. Der Urlaub für 2020 muss in diesem Jahr komplett genommen werden, damit wir keine Rückstellungen bilden müssen. All das sind Maßnahmen, die dazu beitragen, die schwierige Situation zu beherrschen. Einige dieser Maßnahmen waren und sind an der Grenze zur Zumutung. Und zur vollen Wahrheit gehört, dass wir Kosten auch über Personalabbau reduzieren müssen. Das bedeutet aber  n i c h t: über Kündigungen!
Pehlke: Wenn jemand in den Ruhestand geht oder aus anderen Gründen ausscheidet, wird die Stelle nicht nachbesetzt. Möglicherweise können wir auch qualifizierte Mitarbeiter, die am Flughafen nicht mehr benötigt werden, bei anderen kommunalen Unternehmen oder bei der Stadt einsetzen. Wichtig ist mir zweierlei: Der Personalabbau wird ohne Entlassungen geschehen. Niemand wird ins Bergfreie fallen; es wird für jede/n ein Angebot und eine Chance geben! Zweitens: Selbstverständlich ist der Betriebsrat unser erster Ansprech- und Verhandlungspartner.

Die mediale Berichterstattung zum Thema Flugverkehr hat derzeit etwas Apokalyptisches. Da ist von der „Stunde null“ die Rede und vom „Ende der Flugreisen, wie wir sie kennen“. Was macht Sie zuversichtlich, dass es am Flughafen Dortmund nicht nur irgendwie weiter-, sondern mittelfristig auch wieder spürbar nach oben geht?
Mager: Die Rahmenbedingungen des Reisens werden sich verändern. Die Themen Abstand, Hygiene und Mund-Nasen-Bedeckung bekommen eine andere Dimension und werden uns noch lange erhalten bleiben. Die Kapazitäten in der Abfertigung und Infrastruktur werden sinken. 14 Flieger gleichzeitig am Airport, wie zu Spitzenzeiten 2019, sind vorläufig nicht denkbar. Deshalb versuchen wir in der Branche das Prinzip „Maske vor Abstand“ durchzusetzen.
Pehlke: Natürlich gibt es weitere Gründe, warum die Fluggastzahlen nicht gleich wieder ansteigen werden. Die mehr als sieben Millionen Menschen, die jetzt in Kurzarbeit sind, werden nicht als erstes in Urlaub fliegen, sobald sie wieder voll arbeiten gehen dürfen. Geschäftsreisen werden weniger, weil die Menschen während Corona gelernt haben, dass sich vieles auch per Telefon- oder Videokonferenz klären lässt. Wann der Flugverkehr wieder das Niveau vor Corona erreicht und ob überhaupt, hängt aber auch von Faktoren ab, die wir nicht beeinflussen können. Wann steht ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament zur Verfügung? Gibt es eine zweite Welle? Wie entwickelt sich das Infektionsgeschehen in Deutschland, Europa und anderen Teilen der Welt.
Mager: Warum hat der Dortmunder Flughafen bei allen Sorgen und Problemen dennoch bessere Ausgangsbedingungen für den Re-Start als viele andere Flughäfen: Weil der größte Anteil an unseren Fluggästen nicht die Urlauber und nicht die Businessreisenden sind, sondern Menschen, die von Dortmund aus vor allem nach Osteuropa fliegen, um dort ihre Familienangehörigen und Freunde zu besuchen. Das ist das, was man nach den Lockerungen am ehesten wieder macht. Allerdings: Realistisch betrachtet könnten wir bei den Fluggastzahlen 2023 wieder dort sein, wo wir 2019 schon waren. Dass WizzAir nun drei Maschinen in Dortmund, ist mehr als nur ein Silberstreif am Horizont. Es ist ein großer Vertrauensbeweis und bietet eine echte Perspektive.

Eine Perspektive nicht mehr für Sie, Herr Mager, sondern für ihren Nachfolger, der im Oktober übernehmen wird. Welche Gründe haben den Ausschlag für Ludger van Bebber, den Geschäftsführer des Flughafens Weeze, gegeben?
Pehlke: In der Findungskommission, in der auch der Betriebsrat sowie SPD und CDU vertreten waren, hatten wir das klare Ziel, den bestmöglichen Bewerber auszuwählen. Ludger van Bebber bringt alle Qualifikationen und Kompetenzen mit, um die außerordentlich erfolgreiche Arbeit von Udo Mager fortzusetzen. Er ist ein profunder Kenner der Flugbranche, verfügt über viel Erfahrung und ein großes Netzwerk. Er hat den Airport in Weeze schon durch sehr schwierige Zeiten navigiert und – zunehmend wichtig in Dortmund – auch den Non-Aviation-Bereich, also das ‚Nebengeschäft‘, erfolgreich entwickelt. Was auch für Ludger von Bebber spricht: Er war in Weeze keinesfalls auf der Flucht und auf eine berufliche Veränderung nicht angewiesen. Er hat einfach Lust auf die neue Herausforderung. Das hat uns überzeugt!